Wanderer gehen an die Grenze

GESCHICHTE Mathes erklärt Heimat

Bergmann Karl erzählt über sein Arbeitsleben in der Eisenerzgrube Schlagkatz im Jahr 1887. (Foto: A. Müller)

Löhnberg-Selters 100 Menschen machen sich trotz klirrender Kälte auf den Wander-Weg: Der Reigen der Veranstaltungen zum 700-jährigen Dorfjubiläum des Löhnberger Ortsteiles Selters hat mit einer ausgedehnten Grenzwanderung begonnen.

Am Dorfgemeinschaftshaus begrüßte die Teilnehmer Diplom-Geophysiker Gerd Mathes aus Braunfels-Tiefenbach. Er wies auf die bereits zufrierende Lahn hin und meinte, dass die Löhnberger am Abend vielleicht schon über den Fluss nach Hause gehen könnten. Die mehr als acht Kilometer lange Wanderung führte zunächst durch den historischen Ortskern.

An einem alten Fachwerkhaus machte Mathes auf die verwendeten Steine aufmerksam. "Verbaut wurden Steine aus der Region, nämlich Schalstein (Tuffstein), Diabas (Basaltlava), Dachschiefer, Kalkstein und Lahnmarmor", zählte Mathes auf. Vor etwa 400 Millionen Jahren habe es hier einen aktiven Vulkanismus in einem tropischen Meer gegeben. Der Lavafluss habe zur Ablagerung vulkanischer Aschen geführt, erklärte Mathes zur geologischen Entstehung unserer Heimat im Devon. An der Grenze zu Ahausen zeigte Mathes einen historischen Grenzstein an der Selterser Gemarkungsgrenze und meinte scherzhaft, dass eine Grenzwanderung auch dazu diene, seine eigenen körperlichen Grenzen festzustellen. Die Bedeutung von Ton und Lehm machte er an einer ehemaligen Grube deutlich. Lehm sei als Verwitterungsprodukt des Schalsteins entstanden und zur Ziegelherstellung verwendet worden. Der Name Eisensteinweg rühre von seiner früheren Nutzung als Transportweg für Eisenerz von den Gruben zur Verschiffung auf der Lahn.

Alle Teilnehmer singen "Glück auf, der Steiger kommt"

Am Aussichtspunkt an der Drommershäuser Straße erklärte Mathes das typische Landschaftsbild bis zum Knoten im hohen Westerwald. Plötzlich tauchte ein Bergarbeiter auf. Wo einmal Tagebau an der Grube Rothenstein betrieben wurde, erläuterte Bergmann Karl sein Arbeitsleben in den Stollen. Dabei ging er auf die Gewinnung von Eisenerz und dessen Transport mittels Ochsenfuhrwerken ein und zeigte dies anhand eines Fotos auf der Grube Schlagkatz aus dem Jahr 1887. Im Eisenerzbergwerk Buchwald wurden von 1837 bis 1948 fast 400 000 Tonnen Roteisenstein gefördert. Das Erz wurde dann bis zum Weilburger Bahnhof an der Eisenerzgrube Waldhausen gebracht, der vor 50 Jahren geschlossen wurde. Mathes erzählte, dass in der Bergbaustadt Weilburg, die bis 1997 Sitz des Bergamtes war, bis 1970 im Gebäude des heutigen Finanzamtes die Kruppsche Bergverwaltung ihren Sitz hatte und noch heute die Knappschaft ihre Räume hat.

Bevor die Wanderung weiterging, forderte Bergmann Karl alle auf, gemeinsam mit ihm das Bergmanslied "Glück auf, der Steiger kommt" zu singen. Als Belohnung gab es dann auch einen Bergarbeiter-Schnaps. An der nächsten Station, den alten Ackerterrassen, informierte Mathes über die Forst- und Landwirtschaft. Wo heute Wald ist, wurde vor 500 Jahren noch Ackerbau betrieben. Archäobiologen hätten bei wissenschaftlichen Bodenuntersuchungen alte Samen und Knospen gefunden. Weiter ging es zum ehemaligen Basaltsteinbruch "Steinköppel". Der Basalt ist hier vor etwa 25 Millionen Jahren aus fließender Lava entstanden. Basalt wurde vor allem zur Herstellung von Pflastersteinen genutzt. An der Grenze zu Tiefenbach befinden sich 25 Hügelgräber aus der "La-Tene-Zeit". Das ist die Zeit von etwa 450 vor Christi Geburt bis zum Jahre Null der heutigen Zeitrechnung. Kelten siedelten in unserer Heimat und bestatteten ihre Toten in Hügelgräbern. Auch den Kelten war die Eisengewinnung bereits bekannt. An der alten Grenze zwischen Selters und Tiefenbach verläuft eine historische Landesgrenze. Dort befinden sich historische Grenzsteine aus drei Epochen. Im Jahre 1493 erfolgte die erste Grenzsteinsetzung zwischen den Grafschaften Nassau-Weilburg und Solms-Braunfels. Nachdem Solms-Braunfels und Nassau-Weilburg in den Reichsfürstenstand erhoben wurden, seien erneut Grenzsteine gesetzt worden, berichtete Mathes. Diese tragen die heute noch erkennbaren Buchstaben SB für Solms-Braunfels auf der einen, NW für Nassau-Weilburg auf der anderen Seite. Abschließend ging die Wanderung zum Talhof, von dort als Fackelzug wieder zurück zum Selterser Dorfgemeinschaftshaus, wo sich alle mit Glühwein und deftigem Essen aufwärmen und stärken konnten.